Holgagraphy

Holga – oder: Filigranarbeit mit dem Faustkeil

 

Tja – die Holga. Was für manche Ohren fast wie ein ostslawischer weiblicher Vorname klingt ist in Wahrheit eine Kamera. Eine Fotokamera. Oder auch ein Fotoapparat, wie sie einst der brave Durchschnittsbürger bezeichnete. Fodoabbarad sagt heute noch der Kurpfälzer, also so ähner, wie isch ähner bin. Ignoranten bezeichnen sie als „Toy-Kamera“, oder, unter Verzicht auf eine anglogermanische Sprachverschmelzung, schlicht als Spielzeug. Spielzeug! Vom Zorn durchschüttelt rufe ich da in die Welt hinaus: “Ignoriert diese Ignoranten!“. Die Holga ist kein Spielzeug! Und nochmal: Die Holga ist kein Spielzeug! Sie is‘ ähn Fodoabbarad! Jetzt muss isch misch awwer uffrege! Hochdeutsch: Das bringt mich in‘s Souterrain meiner Stimmungsarchitektur!

 

Genug des Ärgerns - ich fahre nun fort mit der leidenschaftslosen Gleichmut eines buddhistischen Mönches:

 

Die Holga ist eine Kamera chinesischen Ursprungs. Sie wurde als billige Kamera fürs einfache Volk entwickelt und vertrieben. Das Gehäuse vermittelt den optischen Eindruck gusseisener Schwere jedoch den haptischen Eindruck eines filigranen Sensibelchens. Letzteres stimmt. Das Objektiv birgt eine Linse aus Plastik, die verzweifelt ihr Bestes gibt, um Lichtstrahlen auf der Filmebene zu bündeln. In Verbindung mit einem Verschluss, dem man traditionell die 1/100 Sekunde unterstellt, entstehen Fotografien, die durchaus das anvisierte Motiv wiedererkennen lassen. Sogar mehr als das, denn das Objektiv bildet großzügig einen wesentlich größeren Bildausschnitt ab, als der Sucher zu zeigen bereit ist. Dass der Schalter zur Belichtungseinstellung „Sonne oder Wolken“ völlig sinnlos ist, da die dazugehörige Lochblende fehlt ist kein Manko, sondern ein augenzwinkernder Hinweis auf den schon bei Markteinführung der Holga erreichten enormen Belichtungspielraum aktueller Filme. Dadurch ist bei Sonnenschein ein kleines Loch vor dem großen Loch verzichtbar.

 

Jedoch schritt auch auf dem chinesischen Kameramarkt die technische Entwicklung voran und so war die Holga bereits dem Untergang geweiht, bis sie durch die lomographische Bewegung entdeckt wurde und nun sogar weltweite Verbreitung erlangte.

 

Lomography bedeutet gemäß eigener Definition Spaßfotografie: Es wird aus der Hüfte geschossen, Menschen in Partylaune fotografiert, mit ausgestrecktem Arm Selfies produziert usw. Bildausschnitt und Entfernungseinstellung sind nicht so wichtig, selbst falsch fokussierte unscharfe Gesichter vor einigermaßen scharfen Hintergrund wandern nicht in Mülltonne sondern sind eine Bereicherung für die Bilderstrecke der letzten Strandparty.

 

Dann war sie plötzlich da: Die "Holgagraphy": Der ernsthafte Versuch mit simpelster Technik anspruchsvolle fotografische Werke zu schaffen, eine Gegenbewegung zur Hightech-Sucht auf dem Kameramarkt. Die Spaßbewegung entwickelte sich zur Wiedergeburt des einstmals von fotografischen Größen wie Ansel Adams verschmähten Pictorialismus. Verzeichnungen und Vignettierungen, moderate Unschärfe, die sich zu Rändern hin verschlimmert – will heißen: verbessert - diese Attribute einfachster Kameratechnik sind nicht mehr Murks, sondern Herausforderung. Ja, sogar die einstmals so gefürchteten Lichtlecks der Holga werden bei Bedarf als Gestaltungsmittel mit einbezogen. Mit schwarzem Klebeband ist deren kreative Mitarbeit bei Nichtbedarf abschaltbar. Nicht trotz, sondern gerade wegen der kameratechnischen Besonderheiten können Bilder entstehen die in der Lage sind Stimmungen künstlerisch auszudrücken. Besonders bei morbiden, düsteren Motiven, ja bei jeder Form von visuellem Blues ist die „Holganität“ dieser Kamera als Stilmittel sehr gut geeignet. Diese Bilder beeindrucken nicht durch optische Präzision sondern durch Charisma.

 

Die hier gezeigten Holgagraphien habe ich mit einer Holga 120N aufgenommen, der einfachen, geradlinigen Urholga ohne Schnickschnack. In die Galerie mit einbezogen ist das Bild, das ich mit dem ersten Auslösen meiner Holga fotografiert habe. Es ist das letzte Bild in der Serie (4 Gräber), bei dem die willkommene Mithilfe eines Lichtlecks besonders vorteilhaft zur Wirkung beiträgt.

Wer sich von den hier gezeigten Bilder inspirieren lässt, dem sei erzählt: Die Holga wird seit 2015 nicht mehr hergestellt. Nun doch: Das endgültige Aus! Also hurtig nach Restbeständen suchen.

 

Das also ist die Holga: Vom Murks zum Kult, vom Kult zur Rarität.

 

Genug der Worte. Die Sprache des Fotografen, besonders die des Holgagraphen, ist die Bildsprache.

 

Da geht’s lang: